Take Care!

(Beitrag von Ralf Baumann)

Freitag, der 29. April 2016, Merkur, Baden-Baden: 3 Baumlandungen, ein sechsfach gebrochenes Kreuz plus Gehirnblutung.

Was ich hier schreibe ist ein Kommentar zu den Ereignissen am o.g. Datum. Es repräsentiert nur meinen eigenen Standpunkt und ist in keinster Weise mit meinen Vorstandkollegen abgesprochen. Es ist gewagt, manche werden denken, es ist weit aus dem Fenster gelehnt, kann sein, es ist höchst subjektiv, es ist geschrieben aus einem Gefühl von Traurigkeit, Wut und Liebe. Manche werden vielleicht Zynismus hineinlesen wollen, der hat damit aber rein gar nichts zu tun. Ich bin traurig, weil es einem menschlich geschätzten Fliegerkollegen nicht gut geht. Ich bin wütend, weil Menschen mit ihrem Leben und Ihrer Gesundheit und als Vorbild für andere Flieger mit dem Leben und der Gesundheit von anderen Fliegern leichtfertig und unbedacht umgehen. Ich empfinge Liebe für die Menschen, die hier als Flieger und Menschen am Merkur eine Heimat haben und diese auch in Zukunft erhalten wollen.

1. Ich hoffe es geht unserem lieben Geier, dessen Name in der Öffentlichkeit nichts zur Sache tut, und der gestern schwer verunglückt ist, den Umständen entsprechend gut, und für ihn wird in Zukunft wieder alles gut. Sorry, wenn das was im weitern Text kommt, jetzt nicht nett ist, aber irgendwann ist nett nicht mehr nett und man muss ungeschminkt und offen sein.

2. Wir haben sehr gute Flieger im Verein, junge wie alte, die bei anspruchsvollen Bedingungen sehr gut fliegen können und fliegen sollen. Wir haben durchschnittlich bis unterdurchschnittlich begabte Flieger im Verein – zu denen ich mich auch zähle – die bei anspruchsvollen bis sehr anspruchsvollen Bedingungen nur bedingt bis gar nichts in der Luft verloren haben.

3. Das meiste, was ich im Folgenden kritisiere, habe ich in meiner fliegerischen Exzessivphase 2014 selbst fabriziert, völlig unbedarft, unwissend, höchst ignorant und nur bedingt talentiert. Im Nachhinein betrachtet, hatte ich eine einigermaßen umfangreich von meiner wahren Kompetenz divergierende Selbsteinschätzung – ich war dumm, unerfahren, fluggeil und schmerzfrei. Ich bin an Tagen die schlimmer waren als der gestern in dreißiger Böen gestartet – ein Flieger, der später starten wolle, hat sich den Arm gebrochen – für ihn war ich an diesem Tag damals aus meiner heutigen Sicht gesehen ein hirnloser Vollidiot von einem bescheuerten Nicht-Vorbild. Ich habe Glück gehabt. Damals dachte ich, ich habs drauf. Wie abgrundtief dumm ein Mensch mit damals 46 doch immer noch sein kann!

4. Was ich kritisiere: Ich kritisiere mangelnde Selbsteinschätzung und teils völlige Selbstüberschätzung. Sagt mir bei der ersten Baumlandung am 29.04.2016 der Pilot, dass er sich zu weit ins Lee hinter den Berg hat versetzen lassen und dann versucht hat, um den Berg herum zufliegen. Hallo! Wird der Weg da kürzer oder länger?! Wird der Wind da stärker oder schwächer an einem Kegelberg?! Kann ich da bei stark thermischen Bedingungen und wechselnden Winden von NW auf SW vielleicht in eine temporäre Lee-Situation fliegen?! Warum lasse ich mich überhaupt mit zu wenig Höhe zu weit hinter den Berg versetzen?! Der später schwer verunglückte Pilot hatte einen „umwerfend“ schlechten ersten Startversuch. Was veranlasst einen Durchschnittspiloten bei wechselndem Wind zwischen 15 und 30 km/h starten zu wollen?!

5. Ich habe den Eindruck, dass der Merkur gerade von Neulingen brutal unterschätzt wird:

5.1 Der Merkur ist ein Berg – auch wenn er wie ein spitzer Hügel aussieht!

5.2. Der Merkur ist ein Kegelberg – mit all seinen Gefahren!

5.3 Der Merkur ist im Frühjahr ein bockiger Berg!

5.4 Der Merkur ist bei starken thermischen Bedingungen kein Berg für Fluganfänger und Wenigflieger!

5.5 Der Merkur sieht lieblich aus, ist er aber nicht. Es gibt vielleicht keine 10 m Bärte, dafür würde aber in den Alpen kaum ein Anfänger auf die Idee kommen in die Mittagsthermik zu starten, außer es gelten die unter Punkt 3 beschriebenen persönlichen Attribute. Warum starten Anfänger und Wenigflieger am Merkur in fünf Meter Bärte?! Seid Ihr Highlander?!

6. Das Wetter: Was ist zu erwarten, wenn es die ganze Woche kalt war, der Boden am Vortag abgetrocknet ist und dann am nächsten Tag nach längerer Abschattung die kräftige Frühjahrssonne durch regengereinigte klare Luft durchknallt?! Wettervorhersage: Labile Schichtung. Basis über 2.000 m. Es geht rund! Am Start! In der Luft! Beim Landen!

7. Wie hoch ist das Risiko bei solchen Bedingungen? Für sehr gute Piloten vielleicht gering, für durchschnittliche Piloten durchschnittlich, für unterdurchschnittliche Piloten hoch. Welche der drei Pilotengruppen sollte wann starten? Welche garantiert nicht mitten in die stärkste Mittagsthermik?! Welche sind an o.g. Tag wann gestartet?!!!

8. Selbst- und Mitverantwortung: Als Flieger trägst du Verantwortung für dich selbst. Ich bin ganz offen: Wenn ich dich nicht persönlich kenne und schätze, ist es mir ziemlich gleich, was du mit deinem Leben anfängst und wann du es wie beendest. Feel free! Alles andere als gleich ist es mir allerdings, wenn du mit Ego, Eiern, Ignoranz und Tollkühnheit Dritte in Mitleidenschaft ziehst. Dann sag ich dir eines: Geh weg von meinem Berg! Wenn du sterben willst, geh woanders hin!

Auch wenn das Fliegen ein Ego-Sport ist, wirkst du immer auch auf andere Flieger, daher trägst du ob du es willst oder nicht immer auch Mitverantwortung. Wenn du dieser nicht nachkommst, wenn sie dir egal ist, wenn dir dein Erfolg, deine Fluggeilheit oder sonst was wichtiger sind als deine Mitverantwortung, dann sag ich dir eines: Geh weg von meinem Berg! Wenn du sterben willst, geh woanders hin! Wenn Du meine Merkur-Community gefährdest, ist das der falsche Ort für dich!

9. Mein Berg: „Mein Berg“ ist der Merkur nicht nur für mich. „Mein Berg“ ist der Merkur für alle, die ihn lieben, die die Menschen an ihm lieben und das Fliegen an ihm lieben. Daher kann und soll jeder der diese Haltung teilt und einnimmt sagen: „Mein Berg!“ Und er kann und soll jedem, der diesen seinen Berg und seine Heimat gefährdet, klar machen, dass er falls er sein unverantwortliches Tun nicht zu ändern bereit ist, hier nichts zu suchen hat.

10. Ich könnte kotzen, wenn ich Marketing-Claims von Schirmherstellern lese in denen man Normal-Fliegern bei noch mehr Sicherheit noch mehr Leistung verspricht. Was glaubt ihr, was ihr hier verkauft? Joggingschuhe? Paddelboote? Motorroller? Schlittschuhe? Nein: Es ist ein Stück Stoff an dem ein Menschenleben hängt! Ich bin jetzt ein Jahr nen C-Schirm geflogen und hab eingesehen, dass das für mich zu sportlich ist. Aber das Gute daran ist, dass man beim C-Schirm-Fliegen sieht und spürt, was wirklich in der Luft abgeht. Ein C-Schirm ist ehrlich – er zeigt Dir wo Du stehst, was Du kannst und idealer Weise auch was Du wirklich willst! Nimmst Du die Deckung runter, kriegst Du eine in die Fresse – Ursache-Wirkung, ein transparentes Geschäft. Ein A- oder ein B-Schirm ist nicht in diesem Maße ehrlich mit dir. Er zeigt dir nicht so eindeutig wo du als Pilot stehst. Bei anspruchsvollen Bedingungen kann er dir durch seine Dämpfung eine Sicherheit suggerieren, die so nicht gegeben ist. Solange alles gut geht, ist alles gut. Wenn du aber in der Mittagsthermik richtig eine abgeräumt bekommst, ist ein Durchschnittspilot und Wenigflieger unter Umständen darauf nicht vorbereitet und reagiert falsch oder gar nicht und damit wiederum möglicherweise falsch – mag sein, dass ein A-Schirm schnell wieder von alleine öffnet, aber nicht unbedingt bei ner 40er-Böe 50 m über Grund. Zugegeben, da hat auch der Hochleisterpilot keine guten Karten, immerhin weiß er höchstwahrscheinlich warum er möglicherweise gleich einschlägt. Bleibt die Frage: Wie kommt es, dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort bin?!

11. XC: Normalflieger lassen sich durch den XC-Sog unter Umständen dazu verleiten, Schirme und Bedingungen zu fliegen, die nicht ihrem wahren Wollen und Können entsprechen. Daher halte ich den XC für ein äußerst zweischneidiges Schwert. Für Sportpiloten perfekt. Als Communitiy-Instrument zum Schau-her-so-bin-ich-geflogen wunderbar. Als persönliche Statistik-Datenbank, sehr gut. Als Versuchung „vorne mithalten zu wollen“, unter Umständen eine große Gefahr für Normalo-Piloten.

12. Gleitschirmfliegen ist mit das Geilste was es gibt. Wenn man herausfinden will und kann, was man als Pilot will und kann. Klar, bis man das herausgefunden hat, ist es unter Umständen ein langer Weg. Wer mich kennt, weiß, dass ich hier aus Erfahrung spreche – ich hab die ganze Bandbreite von größter Selbstüberschätzung bis größte Selbst-Geringschätzung durchgemacht. Man kann viel über sich selbst erfahren, wenn man will. Das ist nicht immer schön, aber immer erkenntnisreich und damit wertvoll. Gleitschirmfliegen ist also aus meiner Sicht auch ein Erkenntnissport. Hat man das erkannt, hat man gute Karten die fliegerisch für einen selbst richtigen und guten Entscheidungen zu treffen. Verschließt man sich dem, gefährdet man sich und andere.

13. Nochmal wünsche ich unserem von mir sehr gemochten Geier alles alles Liebe und Gute, wenn ich ihn nicht sehr mögen würde, hätte ich dies hier vielleicht nicht geschrieben. Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass ich es mindestens einen Tag zu spät geschrieben habe. Das macht mich sehr traurig. Wobei ich mir nicht einbilde, mit diesen wenigen Worten wirklich etwas bewegen zu können. Aber wenn es vielleicht nur einem einzigen hilft, etwas für sich zu erkennen, dann hat es seinen Zweck erfüllt.